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4 Ernährungsmythen über Kinderernährung: Eine wissenschaftliche Perspektive



Heutzutage werden wir mit einer Flut von Informationen, Ratschlägen und Warnungen zu Ernährungsthemen konfrontiert. Daher kann es eine echte Herausforderung sein, den Überblick zu behalten, denn besonders wenn es um die Ernährung unserer Kinder geht, möchten wir alles richtig machen. Doch wie unterscheidet man fundierte Erkenntnisse von gut gemeinten, aber letztlich unbegründeten Mythen? Von hyperaktiv machendem Zucker über die pauschale Verteufelung von Fetten – die Ernährungsmythen sind vielfältig und halten sich oft hartnäckig. 

 

Die Besorgnis um die Gesundheit und Entwicklung unserer Kinder führt oft dazu, dass wir uns von diesen Mythen beeinflussen lassen, ohne deren Wahrheitsgehalt zu hinterfragen. Doch gerade in einer Zeit, in der Ernährung eine zentrale Rolle für die Gesundheit spielt und Übergewicht sowie damit verbundene Krankheiten zunehmen, ist es wichtig, auf fundierte Informationen zurückzugreifen. In diesem Artikel haben wir einige der verbreitetsten Ernährungsmythen unter die Lupe genommen und durch die Brille der Wissenschaft betrachtet.  

 

Mythos 1: "Zucker macht Kinder hyperaktiv"  

 

Einer der hartnäckigsten Mythen ist wohl der Glaube, dass Zucker Kinder hyperaktiv macht. Doch was sagt die Wissenschaft dazu, und wie können wir als Eltern damit umgehen? Zunächst ist es wichtig zu verstehen, was wir landläufig unter Hyperaktivität verstehen: nämlich eine erhöhte Bewegungsaktivität, Impulsivität und zudem Konzentrationsprobleme. 

 

Häufig machen wir die Beobachtung, dass Kinder nach dem Genuss von süßen Leckereien wie aufgedreht wirken. Doch ist dies mehr Schein als Sein? Um es kurz zu sagen: Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass Zucker allein nicht die Ursache für Hyperaktivität ist. Intensive Forschungen, darunter solche von renommierten Universitäten, konnten keinen direkten Zusammenhang zwischen Zuckerkonsum und gesteigerter Hyperaktivität bei Kindern feststellen. Es gibt jedoch Studien, die zumindest auf die Beeinflussung des Adrenalinspiegels hindeuten, jedoch wäre dies nicht gleichzusetzen mit der allgemeinen Vorstellung von Hyperaktivität. [1] 

 

Interessanterweise könnte die Erklärung für die scheinbare Zuckeraufregung unserer Kinder auch im psychologischen Bereich liegen. Oft sind es gesellige Anlässe, die mit süßen Speisen einhergehen, bei denen die Kinder ohnehin schon in einer aufgeregten Stimmung sind. Die Verbindung zwischen Zucker und Hyperaktivität könnte also eher auf die Atmosphäre als auf die Nahrung selbst zurückzuführen sein. [2] Auch wenn dieser Mythos am Ende ein süßes Missverständnis ist, legitimiert dies in keinem Fall einen hohen Zuckerkonsum, da dieser nichtsdestotrotz in Zusammenhang mit anderen Gesundheitsproblemen, wie Typ-2-Diabetes steht. [3] 

 

Mythos 2: "Fett ist grundsätzlich schlecht für Kinder" 

 

Auch dieser Mythos ist weit verbreitet, da Fett häufig mit negativen gesundheitlichen Auswirkungen in Verbindung gebracht wird. Dennoch zeichnet die Wissenschaft hier ein eher differenziertes Bild. Eine fettarme Ernährung wird sogar mit Adipositas in Verbindung gebracht. Die Begründung: Die Streichung von Fett aus Lebensmitteln führt häufig dazu, dass Fett als Geschmacksträger durch raffinierte Kohlenhydrate ersetzt wird. Eine kohlenhydratreiche Ernährung wiederum kann das Hungergefühl steigern, den Stoffwechsel verlangsamen und Fettzellen dazu anregen Kalorien zu speichern. [4] 

 

Grundsätzlich sind Fette auch nicht per Se schlecht. Sie sind insbesondere für Babys und Kleinkinder für das Wachstum und eine gerechte Entwicklung von großer Bedeutung. Daneben liefern sie die notwendige Energie für die Wachstumsphase und sind auch für die Aufnahme fettlöslicher Vitamine, wie Vitamin A, D, E und K von essentieller Bedeutung. [5] 

 

Auch diesen Mythos konnten wir widerlegen, dennoch bedeutet dies nicht, dass Fette generell gut sind. Auch Fette, insbesondere Transfette, wie sie häufig in hochverarbeiteten Lebensmitteln zu finden sind, stehen in Verbindung mit negativen gesundheitlichen Auswirkungen, welche nicht unterschätzt werden sollten. [6] 

Zusammenfassend können wir sagen, dass es letztlich auf die Menge und die Art des Fettes ankommt. Ungesättigte Fette sollten bevorzugt in die Ernährung integriert und gesättigte Fettsäuren eher begrenzt werden. 

 

 

Mythos 3: "Zu viel Obst ist schädlich für Kinder

 

Der Mythos, dass zu viel Obst für Kinder schädlich sein kann muss dahingehend differenzierter betrachtet werden. Einerseits sind neben dem Zucker in Früchten auch wichtige Ballaststoffe, Vitamine und Mineralien enthalten. So führen beispielsweise Ballaststoffe dazu, dass der Zucker im Körper langsamer ins Blut aufgenommen wird, wodurch der Insulinspiegel nicht so abrubt ansteigt, wie dies beispielsweise bei verarbeiteten Lebensmitteln mit Haushaltszucker der Fall ist. Zudem sind Vitamine und Mineralien für die körperliche Entwicklung von Kindern essentiell. Das Hauptaugenmerk des Mythos liegt hier jedoch auf „zu viel“, denn aufgrund des hohen Fructose-Gehaltes im Obst sollte auch dieses in Maßen genossen werden. Insbesondere wenn Früchte in Form von Säften zu sich genommen werden. Während reine, 100%ige Fruchtsäfte ohne zugesetzten Zucker in Maßen gewisse Nährstoffe liefern können, ist die hohe Fructose-Belastung, die sie mit sich bringen, nicht zu vernachlässigen. Fructose wird über die Leber verarbeitet und ein übermäßiger Konsum kann zur nicht-alkoholischen Fettleberkrankheit beitragen, neben anderen Risiken wie Insulinresistenz und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Zudem haben unverdünnte Fruchtsäfte oft einen ähnlich hohen Zuckergehalt wie Softdrinks und sollten nur selten konsumiert werden. [7] 

 

Es wird daher empfohlen, reine Fruchtsäfte für Kinder nur gelegentlich anzubieten und diese vorzugsweise als Schorle, also verdünnt mit mindestens 50 % Wasser, zu servieren. Diese Empfehlung zielt darauf ab, das Risiko für die Entwicklung einer nicht-alkoholischen Fettleberkrankheit und anderer mit hohem Fructosekonsum verbundener Risiken zu minimieren. Ganze Früchte sind aufgrund ihres Ballaststoffgehalts und des vollständigen Nährstoffprofils die gesündere Wahl und sollten in der Ernährung von Kindern bevorzugt werden, um die Vorteile einer ausgewogenen und nährstoffreichen Ernährung zu maximieren. [8] 

 

Mythos 4: "Bio-Gemüse ist nährstoffreicher als konventionelles Gemüse" 

  

Eine weit verbreitete Annahme ist, dass Bio-Gemüse mehr Vitamine als konventionelles Gemüse enthält und daher für eine kindgerechte Ernährung vorzuziehen ist. Doch stimmt das wirklich? 

Kurzgesagt: Nein. Eine umfassende Studie hat dies bereits widerlegt und fand keinen signifikanten Unterschied zwischen dem Vitamingehalt von Bio-Gemüse und konventionell angebautem Gemüse. [9] 

 

Es stimmt, dass Bio-Produkte tendenziell umweltschonender produziert werden und oft als ökologisch nachhaltiger gelten. Doch wenn es speziell um den Vitamingehalt geht, so ist der Kauf von Bio-Produkten für die Nährstoffversorgung unserer Kinder nicht zwingend erforderlich. Zu berücksichtigen ist jedoch, dass Bio-Produkte niedrigere Rückstände von Pestiziden aufweisen. Dieser Aspekt ist besonders für die Ernährung von Kindern relevant, da eine geringere Belastung mit chemischen Rückständen als vorteilhaft angesehen wird. [10] 

 

Für die Kinderernährung ist es entscheidend auf eine ausgewogene und vielfältige Ernährung zu achten, die reich an Gemüse, Obst, Vollkornprodukten und guten Proteinquellen ist. Unabhängig davon, ob diese Produkte aus biologischem oder konventionellem Anbau stammen, ist die Vielfalt der Nährstoffe, die sie liefern, das, was wirklich zählt. Zu beachten ist jedoch auch, dass insbesondere bei verarbeiteten Lebensmitteln die Wahl von Bio wichtig ist, da diese oft mit weniger oder keinen künstlichen Zusatzstoffen hergestellt werden, im Gegensatz zu konventionellen Produkten, die solche Zusätze in höheren Mengen enthalten können. Die strenge EU-Öko-Verordnung beschränkt bei Bio-Lebensmitteln die Zahl der erlaubten Zusatzstoffe erheblich [11]. Untersuchungen, haben in diesem Zusammenhang gezeigt, dass bestimmte Zusatzstoffe in Lebensmitteln negative Auswirkungen auf das Verhalten von Kindern haben können [12]. 

 

Die richtige Balance macht den Unterschied 

 

Zucker führt nicht automatisch zu Hyperaktivität, Fette sind nicht grundsätzlich schlecht, Bio-Gemüse bietet nicht zwangsläufig mehr Nährstoffe als konventionelles und Obst ist wegen seines Zuckergehalts nicht per se schädlich, auch wenn es in Maßen genossen werden sollte. Diese Erkenntnisse laden dazu ein, die Ernährung unserer Kinder differenzierter zu betrachten und die Qualität sowie die Quantität der Nahrungsmittel im Blick zu haben. 

 

Das Sprichwort "Die Dosis macht das Gift" trifft auch auf die Ernährung zu. Eine ausgewogene und vielfältige Ernährung, die alle notwendigen Makro- und Mikronährstoffe in angemessenen Mengen beinhaltet, ist entscheidend für die gesunde Entwicklung und das Wohlbefinden unserer Kinder. Es geht darum, ein Gleichgewicht zu finden, das eine nährstoffreiche Ernährung ermöglicht, ohne dabei in Extreme zu verfallen. 

 

Autor: Tim Klewin


Quellen: 

[1] Huynh, N. (2010, 1. September). Does sugar really make children hyper? – Yale Scientific Magazine. Abgerufen am 24. März 2024, von https://www.yalescientific.org/2010/09/mythbusters-does-sugar-really-make-children-hyper/ 

2 Sugar: Does it Really Cause Hyperactivity? (2022, 29. Juni). Abgerufen am 24. März 2024, von https://www.eatright.org/health/wellness/healthful-habits/sugar-does-it-really-cause-hyperactivity 

3. Müller, B. & Müller, P. (2023, 29. Juni). Zuckerkonsum bei Kindern und Jugendlichen, Status Quo und Empfehlungen. Pädiatrie Schweiz. Abgerufen am 25. März 2024, von https://www.paediatrieschweiz.ch/zuckerkonsum-kinder-jugendlichen-status-quo-und-empfehlungen/ 

4. Have low-fat diets made us fatter? (2016, 6. Januar). News. Abgerufen am 24. März 2024, von https://www.hsph.harvard.edu/news/hsph-in-the-news/have-low-fat-diets-made-us-fatter/ 

5. Weighing in on Dietary Fats. (2018, 7. Dezember). NIH News in Health. Abgerufen am 24. März 2024, von https://newsinhealth.nih.gov/2011/12/weighing-dietary-fats 

6. De Souza et al. (2015). Intake of saturated and trans unsaturated fatty acids and risk of all cause mortality, cardiovascular disease, and type 2 diabetes: systematic review and meta-analysis of observational studies. The BMJ, h3978. https://doi.org/10.1136/bmj.h3978 

7. Taskinen et al. (2019). Dietary Fructose and the Metabolic Syndrome. Nutrients, 11(9), 1987. https://doi.org/10.3390/nu11091987 

8. Noble.Dana. (2023, 22. Juni). Myths and truths about kids and fruit. Mayo Clinic Press. Abgerufen am 24. März 2024, von https://mcpress.mayoclinic.org/parenting/myths-and-truths-about-kids-and-fruit/ 

9. Hickman, M. (2009, 29. Juli). Organic food „no healthier than conventional“ | The Independent. The Independent. https://www.independent.co.uk/life-style/food-and-drink/news/organic-food-no-healthier-than-conventional-1764448.html 

10. Glibowski, P. (2020). Organic food and health. Roczniki PańStwowego Zakładu Higieny, 131–136. https://doi.org/10.32394/rpzh.2020.0110 

11. Bio-Lebensmittel : Welche Zusatzstoffe sind erlaubt? - Bundesverband der Lebensmittelkontrolleure Deutschlands e.V. (o. D.). Abgerufen am 8. April 2024, von https://bvlk.de/news/bio-lebensmittel-welche-zusatzstoffe-sind-erlaubt.html 

12. Lebensmittelsicherheit, E. B. F. (2008, 14. März). EFSA prüft Southampton-Studie zu Lebensmittelzusatzstoffen und Verhalten von Kindern. Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit. Abgerufen am 8. April 2024, von https://www.efsa.europa.eu/de/news/efsa-evaluates-southampton-study-food-additives-and-child-behaviour 

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