Generation Nichtschwimmer – Deutschlands Kinder haben oft nicht einmal das Seepferdchen

Aktualisiert: 14. Nov.


Schwimmen lernen ist lebenswichtig! Doch schon vor der Corona-Pandemie waren zu viele Kinder in Deutschland Nichtschwimmer. Jetzt wird das ganze Ausmaß der Misere noch deutlicher.

Es ist inzwischen fast drei Jahre her, dass in Deutschland zum letzten Mal regelmäßige Schwimmkurse für Kinder unter halbwegs normalen Bedingungen angeboten und

durchgeführt wurden. Zuerst sorgten die im Zusammenhang mit Corona erlassenen Maßnahmen für geschlossene Schwimmbäder, jetzt müssen wegen der Energiekrise noch weitere Einschränkungen in Kauf genommen werden. Zahlreiche Städte und Gemeinden haben bereits angekündigt, das Wasser in den Becken ihrer Hallenbäder zu senken.


Das hat auch unmittelbare Auswirkungen auf die Schwimmkurse für Kinder, bei denen eigentlich Wassertemperaturen um 28 Grad üblich sind. Ausnahmen werden beim Energiesparen auch für die Kleinsten aber nicht gemacht, ganz im Gegenteil. In den meisten Kommunen gelten jetzt die 26 Grad als starre Obergrenze, die nicht überschritten werden darf. Für Planschbecken, in denen Kleinkinder an das Wasser gewöhnt werden sollen, empfiehlt die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft e.V. (DLRG) eine Temperatur von mindestens 32 Grad, so dass etwa das Babyschwimmen dieses Jahr ins Wasser fällt. Denn: „26 Grad wären für die Allerkleinsten einfach zu kühl. Was viele nicht wissen, die Sicherheit und Wassergewöhnung beginnt schon hier beim Babyschwimmen, umso leichter fällt es den Kleinsten mit dem Element Wasser umzugehen. Anstatt über eine Ausnahme

nachzudenken, wurde das Babyschwimmen kurzerhand aus dem Programm gestrichen.

Wichtig sei im Moment nur, dass jeder Badegast seinen Teil zum Energiesparen beitrage, egal ob Erwachsener, Baby oder Kind.


Auch ich als Experte von „Project Childfit“ sehe die niedrigen Wassertemperaturen in der Schwimmausbildung problematisch.

“Wie will man da einem Fünfjährigen beibringen, dass er jetzt ins kalte Wasser gehen muss und Spaß dabei haben soll, schwimmen zu lernen?“ Das ist aus meiner Sicht nicht möglich. Ich denke, dass die Kinder möglicherweise länger brauchen um schwimmen zu lernen, weil sie schneller anfangen zu frieren. Dennoch sind kalte Schwimmbäder immer besser als

geschlossene Schwimmbäder.


Ganz geheuer ist das, im wahrsten Sinne des Wortes, kühle Nass aber mittlerweile nicht allen, am wenigsten den Eltern der Schwimmanfänger. Viele schicken ihre Kinder inzwischen mit dem Neoprenanzug zum Schwimmkurs, um die Kinder vor einer Unterkühlung zu schützen. Aus Sicht als Experte sind Neoprenanzüge okay, aber sie geben auch Auftrieb. Wenn die Kinder dann aber ohne Neoprenanzug schwimmen, sollte beobachtet werden wie sie damit klarkommen. Mit anderen Worten: Richtiges schwimmen lernen geht eigentlich anders. Es kann nicht sein, dass die kleinen Kinder, die schwimmen lernen sollen & wollen, wieder darunter leiden. Falls die Lage sich weiter verschlimmert und noch mehr Kurse ausfallen, riskiert man eine Generation von Nichtschwimmern. Denn rund 1,5 Millionen Kinder konnten schon infolge der Pandemie-Maßnahmen nicht richtig schwimmen lernen. Tendenz Steigend


Warum sollten Kinder schwimmen können?

Schwimmen ist einer der wohl gesündesten Sportarten die es gibt. Wer schwimmt, trainiert seine Muskeln gleichmäßig unter einfachen Bedingungen. Der Fokus beim Schwimmen für Kinder liegt auf Spiel, Spaß, Abwechselung und einer korrekten Technik und Ausführung. Im Wasser ist die Ausdauer z.B. größer als an Land und auch der Muskelkater ist selten ein Thema. Kinder sollten jedoch noch aus anderen Gründen das Schwimmen erlernen. Schwimmen ist für Kinder eine gute Idee, um die motorischen Fähigkeiten zu verbessern. Das Zusammenspiel von Armen und Beinen fördert die Koordination. Kinder lernen auch kognitive Fähigkeiten wenn sie zum Schwimmunterricht gehen. Auch ein wichtiger Faktor ist, dass dadurch die Haltung verbessert wird. Die Muskulatur von Armen und Rücken wird gleichzeitig gestärkt und das beugt effektiv Haltungsschäden vor. Kinder, die regelmäßig in einem Schwimmverein trainieren oder einen Schwimmkurs besuchen, fördern ebenfalls ihre sozialen Kontakte.


Wir Experten sehen eine Generation von Nichtschwimmern heranwachsen.


Laut Statistik der DLRG Frühjahr 2022 können nur 40 Prozent aller Zehnjährigen sicher schwimmen. Die Kultusministerkonferenz hat sich 2019 dem Ziel verschrieben, dass jedes Kind am Ende der Grundschule sicher schwimmen können soll. Davon sind wir nach zwei Jahren Pandemie mit monatelang geschlossenen Schwimmbädern jedoch noch viel weiter entfernt als damals. Ein "Energie-Lockdown" für die Schwimmbäder wäre hier ein weiterer erheblicher Rückschlag, der das Unfallrisiko an den Gewässern & in den Bädern stark erhöht.


Glaubt man den Einschätzungen der Experten, so scheint es gut möglich, dass das

Energiesparen in den Schwimmbädern im Winter 2022/23 die Gesellschaft teuer zu stehen kommen wird. Die offenbar gewaltige Nachfrage nach Schwimmkursen für Kinder zeigt, dass das Problem von Eltern und Experten längst erkannt worden ist. Hier wird also einmal mehr am falschen Ende gespart und vor allem – wieder mal – auf Kosten unserer Kinder.


Autor: Paul Müller, Fußball- und Schwimmtrainer und Project Childfit Experte


Literatur


1. Cullna, K. (2022). Wir haben immer mehr Nichtschwimmer - Lebensretter sehen „erhöhte Unfallgefahr". Welt. Axel Springer SE. https://www.welt.de/politik/deutschland/article238993785/Wegen-Corona-Eingriffen-Wir-haben-immer-mehr-Nichtschwimmer.html

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